Kostenlose Beratung beim Anwalt: Optionen & Tipps für 2026
Kostenlose Beratung beim Anwalt: Optionen & Tipps für 2026
Rechtliche Probleme können jeden treffen – doch was tun, wenn das Geld für einen Anwalt fehlt? Die gute Nachricht: In Deutschland gibt es mehrere Möglichkeiten, kostenlose oder sehr günstige Rechtsberatung zu erhalten. Von der staatlichen Beratungshilfe über Law Clinics bis hin zu gemeinnützigen Organisationen bieten verschiedene Anlaufstellen Unterstützung für Menschen mit geringem Einkommen. Dieser Ratgeber zeigt Ihnen alle Optionen im Überblick.
Das Wichtigste in Kürze
- Beratungshilfe: Staatliche Unterstützung für nur 15 € Eigenanteil
- Prozesskostenhilfe: Kostenlose Vertretung vor Gericht
- Law Clinics: Kostenlose Beratung durch Jura-Studierende unter Anwaltsaufsicht
- Öffentliche Rechtsberatung: In Hamburg und Bremen statt Beratungshilfe
- Sozialverbände: Caritas, Diakonie und andere bieten kostenlose Beratung
Was ist Beratungshilfe?
Die Beratungshilfe ist ein staatliches Programm, das Menschen mit geringem Einkommen Zugang zu anwaltlicher Beratung ermöglicht. Sie deckt die Kosten für eine außergerichtliche Rechtsberatung und kostet Sie maximal 15 Euro.
So funktioniert die Beratungshilfe
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Was wird abgedeckt? | Außergerichtliche Beratung und Vertretung |
| Kosten für Sie | Max. 15 € Eigenanteil (kann erlassen werden) |
| Wer zahlt den Rest? | Die Staatskasse |
| Wo beantragen? | Amtsgericht Ihres Wohnortes |
| Gültig für | Eine konkrete Rechtsangelegenheit |
Welche Rechtsgebiete sind abgedeckt?
Die Beratungshilfe gilt für fast alle Rechtsgebiete:
- Sozialrecht (Bürgergeld, Renten, Krankenkasse)
- Arbeitsrecht (Kündigungen, Abmahnungen)
- Mietrecht (Mieterhöhung, Kündigung)
- Familienrecht (Unterhalt, Sorgerecht)
- Verwaltungsrecht (Bescheide, Genehmigungen)
- Zivilrecht (Verträge, Schadensersatz)
Wichtig: Für Strafrecht gibt es eigene Regelungen (Pflichtverteidiger). Und für bereits laufende Gerichtsverfahren benötigen Sie stattdessen Prozesskostenhilfe.
Voraussetzungen für den Beratungshilfeschein
Um Beratungshilfe zu erhalten, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein:
1. Finanzielle Bedürftigkeit
Sie müssen nachweisen, dass Sie die Kosten für einen Anwalt nicht selbst tragen können. Die Einkommens- und Vermögensgrenzen werden jährlich angepasst:
Freibeträge 2025/2026 (Richtwerte):
| Freibetrag | Betrag |
|---|---|
| Grundfreibetrag (Antragsteller) | ca. 619 € |
| Erwerbstätigenfreibetrag | ca. 282 € |
| Freibetrag für Partner | ca. 619 € |
| Freibetrag pro Kind | 350-500 € (altersabhängig) |
Als Bürgergeld-Empfänger erfüllen Sie die finanzielle Voraussetzung in der Regel automatisch.
2. Keine andere zumutbare Möglichkeit
Sie dürfen keinen anderweitigen Zugang zu kostenloser Rechtsberatung haben:
- Keine Rechtsschutzversicherung für das betreffende Rechtsgebiet
- Keine Gewerkschaftsmitgliedschaft mit Rechtsschutz (bei Arbeitsrecht)
- Kein Anspruch auf Prozesskostenhilfe (nur bei Gerichtsverfahren)
3. Die Angelegenheit darf nicht mutwillig sein
Die Rechtsverfolgung muss einen Sinn haben – rein schikanöse oder aussichtslose Angelegenheiten werden nicht gefördert.
Wie beantrage ich einen Beratungshilfeschein?
Es gibt zwei Wege zur Beratungshilfe:
Weg 1: Berechtigungsschein vom Amtsgericht
Schritt-für-Schritt-Anleitung:
- Amtsgericht aufsuchen: Gehen Sie zur Rechtsantragsstelle des Amtsgerichts Ihres Wohnortes
- Antrag stellen: Füllen Sie das Formular “Antrag auf Beratungshilfe” aus
- Unterlagen vorlegen:
- Personalausweis oder Reisepass
- Aktueller Bürgergeld-Bescheid oder Einkommensnachweise
- Mietvertrag und Kontoauszüge (falls verlangt)
- Dokumente zu Ihrer Rechtsangelegenheit
- Schein erhalten: Bei Genehmigung erhalten Sie einen Berechtigungsschein
- Anwalt aufsuchen: Legen Sie den Schein einem Anwalt Ihrer Wahl vor
Vorteile:
- Sicherheit, dass Beratungshilfe gewährt wird
- Kostenlos beim Amtsgericht
Nachteile:
- Erfordert Besuch beim Amtsgericht
- Möglicherweise Wartezeiten
Weg 2: Direkt zum Anwalt gehen
Schritt-für-Schritt-Anleitung:
- Anwalt kontaktieren: Wählen Sie einen Anwalt, der Beratungshilfe akzeptiert
- Unterlagen mitbringen: Gleiche Dokumente wie beim Amtsgericht
- Anwalt beantragt nachträglich: Der Anwalt stellt selbst den Antrag beim Amtsgericht
- Eigenanteil zahlen: 15 € (falls vom Anwalt erhoben)
Vorteile:
- Schneller, da Sie direkt beraten werden
- Nur ein Termin nötig
Nachteile:
- Risiko der Ablehnung (dann müssen Sie die volle Beratungsgebühr zahlen)
- Nicht alle Anwälte akzeptieren nachträgliche Beantragung
Tipp: Fragen Sie vorab telefonisch, ob der Anwalt Beratungshilfe akzeptiert und die nachträgliche Beantragung übernimmt.
Der 15-Euro-Eigenanteil: Was Sie wissen müssen
Bei der Beratungshilfe fällt ein Eigenanteil von maximal 15 Euro an. Wichtig zu wissen:
- Der Anwalt kann auf den Eigenanteil verzichten (freiwillig)
- Fragen Sie vorher, ob der Eigenanteil erhoben wird
- Bei sehr geringem Einkommen verzichten viele Anwälte darauf
- Der Eigenanteil gilt pro Rechtsangelegenheit
Prozesskostenhilfe: Für Gerichtsverfahren
Wenn ein Gerichtsverfahren notwendig wird, benötigen Sie statt Beratungshilfe die Prozesskostenhilfe (PKH). Diese deckt:
- Anwaltskosten für das Verfahren
- Gerichtskosten
- Kosten für Gutachten und Sachverständige
Voraussetzungen für Prozesskostenhilfe
| Voraussetzung | Details |
|---|---|
| Finanzielle Bedürftigkeit | Einkommen und Vermögen unter den Freibeträgen |
| Erfolgsaussicht | Die Klage muss hinreichende Aussicht auf Erfolg haben |
| Keine Mutwilligkeit | Die Rechtsverfolgung darf nicht schikanös sein |
PKH-Antrag stellen
- Antrag beim zuständigen Gericht: Zusammen mit der Klageschrift oder separat
- Formular ausfüllen: “Erklärung über die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse”
- Belege beifügen: Einkommensnachweise, Bescheide, Kontoauszüge
- Anwalt angeben: Welcher Anwalt Sie vertreten soll
Besonderheit: Sozialgerichte sind kostenfrei
Vor dem Sozialgericht (z.B. bei Bürgergeld-Klagen) fallen für Kläger keine Gerichtskosten an – unabhängig vom Ausgang des Verfahrens. Sie benötigen PKH nur für die Anwaltskosten.
Weitere Optionen für kostenlose Rechtsberatung
Neben Beratungshilfe und PKH gibt es weitere Möglichkeiten:
Law Clinics: Rechtsberatung durch Jura-Studierende
Law Clinics sind studentische Rechtsberatungsstellen an Universitäten. Dort beraten Jura-Studierende unter Aufsicht erfahrener Anwälte – kostenlos.
Vorteile:
- Komplett kostenlos (kein Eigenanteil)
- Oft spezialisiert auf bestimmte Rechtsgebiete
- Engagierte Beratung
Einschränkungen:
- Nicht in allen Städten verfügbar
- Wartezeiten möglich
- Keine Vertretung vor Gericht
Bekannte Law Clinics:
- Refugee Law Clinics (Asylrecht)
- Sozialrecht-Clinics an verschiedenen Universitäten
- Mietrecht-Clinics
Ab 2026: Die Bucerius Law School in Hamburg plant, alle Jurastudierenden zu verpflichtenden Beratungseinsätzen in Law Clinics einzusetzen.
Öffentliche Rechtsberatung (Hamburg und Bremen)
In Hamburg und Bremen gibt es statt der Beratungshilfe eine öffentliche Rechtsberatung. Diese wird direkt vom Staat organisiert und bietet:
- Beratung durch angestellte Juristen
- Sehr geringe Kosten (oft kostenlos)
- Keine Antragstellung beim Amtsgericht nötig
Kontakt:
- Hamburg: Öffentliche Rechtsauskunft und Vergleichsstelle (ÖRA)
- Bremen: Öffentliche Rechtsberatungsstellen
Gemeinnützige Organisationen
Zahlreiche Organisationen bieten kostenlose oder sehr günstige Rechtsberatung:
| Organisation | Rechtsgebiete | Kosten |
|---|---|---|
| Caritas | Sozialrecht, Schuldnerberatung | Kostenlos |
| Diakonie | Sozialrecht, Migrationsrecht | Kostenlos |
| Arbeitslosenzentren | Bürgergeld, Arbeitsrecht | Kostenlos |
| Verbraucherzentrale | Vertragsrecht, Verbraucherrecht | Geringe Gebühr |
| Mietervereine | Mietrecht | Mitgliedsbeitrag |
| Gewerkschaften | Arbeitsrecht | Für Mitglieder |
Rechtsschutzversicherung
Falls Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, prüfen Sie, ob Ihr Fall abgedeckt ist:
- Arbeitsrechtsschutz
- Mietrechtsschutz
- Verkehrsrechtsschutz
- Privatrechtsschutz
Hinweis: Sozialrechtliche Streitigkeiten (wie Bürgergeld) sind in vielen Standard-Policen nicht enthalten. Prüfen Sie Ihre Versicherungsbedingungen.
Pflichtverteidiger: Kostenloser Anwalt im Strafverfahren
Im Strafrecht gelten besondere Regeln. In bestimmten Fällen haben Sie Anspruch auf einen Pflichtverteidiger, der Ihnen kostenlos zur Seite steht:
Wann gibt es einen Pflichtverteidiger?
| Situation | Pflichtverteidiger? |
|---|---|
| Schwere Straftat (Verbrechen) | ✅ Ja |
| Untersuchungshaft | ✅ Ja |
| Komplexe Rechtslage | ✅ Ja, auf Antrag |
| Beschuldigter kann sich nicht selbst verteidigen | ✅ Ja |
| Einfache Ordnungswidrigkeit | ❌ Nein |
Wie bekomme ich einen Pflichtverteidiger?
- Das Gericht ordnet einen Pflichtverteidiger von Amts wegen an
- Sie können einen bestimmten Anwalt vorschlagen
- Wird kein Wunsch geäußert, wählt das Gericht einen Anwalt aus
Wichtig: Die Kosten für den Pflichtverteidiger werden zunächst vom Staat übernommen. Bei einer Verurteilung können sie jedoch zurückgefordert werden.
Praktische Tipps für kostenlose Rechtsberatung
1. Frühzeitig handeln
Je früher Sie sich beraten lassen, desto mehr Handlungsoptionen haben Sie:
- Fristen beachten: Widerspruchsfristen (1 Monat) nicht verpassen
- Dokumente sichern: Alle Bescheide und Schriftstücke aufbewahren
- Kommunikation dokumentieren: Gespräche notieren, schriftlich kommunizieren
2. Unterlagen vorbereiten
Für jeden Beratungstermin sollten Sie mitbringen:
- Personalausweis
- Bürgergeld-Bescheid oder Einkommensnachweise
- Alle relevanten Dokumente zu Ihrem Fall
- Chronologische Übersicht des Sachverhalts
- Notizen zu Ihren Fragen
3. Die richtige Anlaufstelle wählen
| Ihr Problem | Beste Anlaufstelle |
|---|---|
| Bürgergeld/Jobcenter | Sozialberatungsstelle, Fachanwalt Sozialrecht |
| Kündigung Arbeit | Gewerkschaft, Fachanwalt Arbeitsrecht |
| Mieterhöhung | Mieterverein, Fachanwalt Mietrecht |
| Schulden | Schuldnerberatung (Caritas, Diakonie) |
| Vertragsstreit | Verbraucherzentrale |
4. Online-Tools nutzen
Viele Bundesländer bieten Online-Services:
- PKH-Rechner: Prüft Anspruch auf Prozesskostenhilfe
- Beratungshilfe-Check: Vorab-Prüfung der Berechtigung
- Formulare zum Download: Anträge vorab ausfüllen
Kosten im Überblick: Mit und ohne staatliche Hilfe
| Leistung | Reguläre Kosten | Mit staatlicher Hilfe |
|---|---|---|
| Erstberatung Anwalt | 50-250 € | 0-15 € (Beratungshilfe) |
| Widerspruchsverfahren | 300-800 € | 0-15 € (Beratungshilfe) |
| Klageverfahren | 500-2.000 € | 0 € (PKH) |
| Gerichtskosten Sozialgericht | 0 € | 0 € |
| Law Clinic Beratung | - | 0 € |
| Sozialberatungsstelle | - | 0 € |
Häufige Fragen
Was ist ein Beratungshilfeschein und wie bekomme ich ihn?
Der Beratungshilfeschein ist ein Dokument, das Ihnen kostengünstige anwaltliche Beratung ermöglicht. Sie erhalten ihn beim Amtsgericht Ihres Wohnortes. Bringen Sie Ihren Personalausweis, Einkommensnachweise (z.B. Bürgergeld-Bescheid) und Dokumente zu Ihrem Rechtsfall mit. Alternativ können Sie auch direkt zum Anwalt gehen, der die Beratungshilfe nachträglich beantragt.
Wie viel kostet die Beratungshilfe?
Bei der Beratungshilfe zahlen Sie maximal 15 Euro Eigenanteil. Diesen Betrag erhält der Anwalt; die restlichen Kosten übernimmt die Staatskasse. Viele Anwälte verzichten bei Bürgergeld-Empfängern auf den Eigenanteil – fragen Sie vorher nach.
Wann steht mir ein kostenloser Anwalt zu?
Ein komplett kostenloser Anwalt steht Ihnen in folgenden Fällen zu: Bei Beratungshilfe (15 € Eigenanteil), bei Prozesskostenhilfe für Gerichtsverfahren, als Pflichtverteidiger im Strafverfahren bei schweren Delikten, oder durch kostenlose Angebote von Law Clinics und gemeinnützigen Organisationen.
Was ist der Unterschied zwischen Beratungshilfe und Prozesskostenhilfe?
Beratungshilfe gilt für außergerichtliche Angelegenheiten – also Beratung, Widersprüche und Verhandlungen ohne Gericht. Prozesskostenhilfe hingegen deckt die Kosten für Gerichtsverfahren ab. Für ein vollständiges Verfahren benötigen Sie möglicherweise beide: Erst Beratungshilfe für den Widerspruch, dann PKH für die Klage.
Gibt es in allen Bundesländern Beratungshilfe?
In den meisten Bundesländern gibt es die klassische Beratungshilfe über das Amtsgericht. Ausnahmen sind Hamburg und Bremen: Dort gibt es stattdessen eine “öffentliche Rechtsberatung”, die direkt vom Staat organisiert wird. Die Leistungen sind vergleichbar, nur die Anlaufstellen unterscheiden sich.
Kann ich mir den Anwalt bei Beratungshilfe selbst aussuchen?
Ja, Sie können jeden Anwalt wählen, der Beratungshilfe akzeptiert. Nicht alle Anwälte nehmen Beratungshilfemandate an – fragen Sie daher vorher telefonisch nach. Mit dem Berechtigungsschein vom Amtsgericht haben Sie freie Anwaltswahl.
Fazit
Rechtliche Unterstützung muss nicht teuer sein. Mit Beratungshilfe (max. 15 €) und Prozesskostenhilfe können Sie auch mit geringem Einkommen einen Anwalt beauftragen. Zusätzlich bieten Law Clinics, Sozialberatungsstellen und gemeinnützige Organisationen kostenlose Hilfe an. Nutzen Sie diese Angebote, um Ihre Rechte durchzusetzen – Sie verdienen es, gehört zu werden.
Weiterführende Informationen
Für vertiefende Informationen empfehlen wir Ihnen folgende Artikel:
- Anwalt für Jobcenter: Rechtliche Unterstützung sichern
- Widerspruch gegen Bürgergeld-Bescheid einlegen
- Fristen und Formalia beim Widerspruch
- Klage vor dem Sozialgericht
- Musterschreiben für Widerspruch
Quellen
Die Informationen basieren auf folgenden offiziellen Quellen:
- Bundesministerium der Justiz: Informationen zur Beratungshilfe
- Justizportal des Bundes und der Länder: Finanzielle Hilfen bei Rechtsstreitigkeiten
- Beratungshilfegesetz: BerHG - Beratungshilfegesetz
- Prozesskostenhilfe: § 114 ZPO - Prozesskostenhilfe
Hinweis: Alle Angaben ohne Gewähr. Die Freibeträge können sich jährlich ändern. Stand: Dezember 2025
Rechtlicher Hinweis: Die Informationen in diesem Ratgeber ersetzen keine professionelle Rechtsberatung. Nutzen Sie die beschriebenen Angebote, um Ihre individuelle Situation von einem Fachkundigen prüfen zu lassen.